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Die Tinte erst gibt dem Wort Gewicht.
Und wer schön schreibt, hat mehr von der Sprache.

Juli: Die Herstellung von Tinte ist ein lohnendes, weil nicht besonders kompliziertes Gewerk und mit einem Resultat, das der Schreiber direkt nutzen kann.
Das deutsche Wort Tinte stammt vom lateinischen tingere = färben ab. Das lateinische Wort für Tinte war im Altertum atramentum (= die Schwärze, von ater = schwarz, dazu unterschied man atramentum librarium oder scriptorium (= Bücher- oder Schreibtinte).

Im Moment habe ich gerade Walnusstinte angesetzt, weil mir ein dicker Ast aus dem Baum gebrochen ist und viele unreife Nüsse anfielen. Man bekommt die Schale noch nicht ab, darum habe ich die Nüsse einfach mit dem Hammer zerschlagen. Mit etwa gleich viel Wasser ansetzen, aufkochen und über Nacht stehen lassen, dann abseihen durch ein feines Tuch, damit keine Schwebstoffe mehr in der Flüssigkeit bleiben. Die fertige Tinte noch mit ca. 10 % Essigessenz versetzen gegen Schimmel, es geht aber auch Salz.

Ein Rezept aus dem Netz muss ich mal ausprobieren: frische Klatschmohnblütenblätter mit drei Teilen Wasser und einem Teil Essigessenz in ein Schraubglas geben und drei Tage in die Sonne stellen. Soll Tinte rauskommen! Und sollte dann wohl auch mit anderen Blüten funktionieren.

 

Juni: Es lohnt sich immer, die vielfältigen Portale des Netzes abzuklappern nach schönen Anregungen. Da gibt es zum Beispiel Pinterest, wo Nutzer Fotos und Videos teilen können. Man wird natürlich stets dazu aufgerufen, sich anzumelden, muss man aber nicht, um die Bilder zumindest in Kleinformat schon ansehen zu können. Auf Youtube kann man auch immer mal wieder reinschauen. Oder man sucht nach "video kalligraphie" auf Google, und pickt sich raus was interessant scheint, da findet man dann auch wieder ganz andere Sachen (z.B. Joachim Propfe beim Truhen beschriften).

Mai: Das Echternacher Evangeliar liegt seit 1955 in den Händen des Nationalmuseums in Nürnberg, wo ich vor Jahren einmal das Glück hatte, passend zur Präsentation des teuren Originals in der Stadt zu sein. Hier habe ich mal einige der Bordüren des Buches zusammen gestellt (Bild rechts, Klick auf das Bild öffnet die Bordüren in größerem Format).
Zur Ausstellung wurde ein Buch der Kuratorin Anja Grebe über Entstehung und Handwerkskunst des Codex aureus (auch durch die üppige Goldeinlage ist es eines der teuersten Bücher der Welt) veröffentlicht, das ich empfehlenswert finde.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir von der damaligen Ausstellung, dass Gesichter und Details teilweise übermalt wurden, was mit heutigen wissenschaftlichen Methoden offenbar wurde. Die Übermalung durch den sogenannten "Langnasen-Maler" wirkt manchmal perspektivisch direkt albern, und warum sie überhaupt stattfand ist m.W. bis heute rätselhaft.

Interessant die Geschichte des Verkaufs ans Museum, die ein recht unvorteilhaftes Bild auf die Familie von Sachsen-Coburg wirft.

Detail aus dem Echternacher Evangeliar-Faksimile

Bordüren des Echternacher Evangeliars

 

Das Göttinger Musterbuch der Illumination

April: Über die Jahre sammelt man so viel zusammen. Und was vor ein paar Jahren noch in unerreichbarer Ferne in irgendwelchen Tresoren und klimatisierten Kellern gehütet wurde, ist inzwischen zum Teil digitalisiert und lässt sich ohne lange Reise ansehen. Dazu gehört auch das Göttinger Musterbuch und die Göttinger Gutenberg-Bibel, die wahrscheinlich nach diesem Musterbuch ausgeschmückt wurde. Gesamtübersicht mit mehr Info hier.
Die Tricks der Buchmaler werden hier als Anleitung verraten, das Musterbuch hat viel zur Entschlüsseling alter Illuminationstechniken beigetragen und gehört zum UNESCO-Welterbe.
Leider sind die Digitalisierer keine Helden des Webdesigns; man muss Popups erlauben, ein Flash-Plugin installiert haben, und den Trick mit STRG-Taste und dem Drehen am Mausrad kennen, um wirklich Details in größerer Abbildung genießen zu können. Aber es geht und es lohnt sich!

März: Eisengallustinte herzustellen reizt mich seit langem, und auch wenn ich im letzten August noch von den schönen Galläpfeln geschwärmt habe, die von hiesigen Eichen fallen, mußte ich angesichts der Mühsal des Sammelns dann doch auf die Möglichkeiten des Internets zurückkommen und habe mir einfach ein Kilo bestellt.

Mit 90 Gramm dieser Galläpfel, pulverisiert im Smoothiemaker (wer Fitness braucht nehme den Mörser) wird die Tinte angesetzt. 10 g Gummi arabicum, 30 Gramm Eisenvitriol, 400 ml Regenwasser werden zugemischt, das Ganze dann drei Tage warm gestellt.
Nach drei Tagen abseihen durch ein sauberes Leinentuch, und schon haben wir die beste Tinte der Welt! Da die Eisengallustinte erst durch Oxidation an der Luft ihre schwarze Farbe erhält, kann man sie noch zusätzlich mit Farbstoff wie Annilinblau versehen, oder Blauholzextrakt zufügen. Der Haltbarkeit zuliebe wird noch 1 g Ascorbinsäure zugefügt, verhindert Schimmelbildung (Salicylsäure tut desgleichen).

Commercial Script mit Eisengallustinte
Hier eine erste Schriftprobe mit der Spitzfeder. Die Tinte hat sehr gute Fliesseigenschaften und wird binnen Minuten tiefschwarz. Das Experiment ist gelungen!

Schreiben mit der Gänsefeder macht Spaß!


Februar: Eine häufiger vorkommende Anfrage an mich ist "Welche Schrift ist das?", begleitet von einem Bild mit ein paar Buchstaben, aus denen ich einen Schriftnamen raten soll. Tättowierer kennen das Problem sicher gut, die kriegen wahrscheinlich auch öfter Fotos von zwei Initialen, die iwo am Strand abgelichtet wurden, und den Auftrag "Genau die Schrift, aber A&F statt W&O" oder ähnlich. Bei Typografie.info gibt es eine wunderbare Seite mit den 10 besten Tricks, eine Schrift zu erkennen.

Eine interessante Intitiative ist die "Aktion Handschreiben 2020". Ziel: Die Forschungen zum Handschreiben sollen verbessert und die Erkenntnisse in der Lehrerbildung besser verankert werden. Bis 2020 soll ein flächendeckendes Programm zur Förderung des Handschreibens in Kitas und Schulen entwickelt werden.
Immer mehr Kinder haben durch mangelnde Feinmotorik Probleme, eine flüssige Handschrift zu erlernen. Ich stelle es selbst oft auf meinen Mittelaltermärkten fest, bei denen ich den Kurzen das alte Handwerk zeige. Sie verkrampfen die Schreibhand, dass schon das Zusehen weh tut, oder haben sich schon im 2. Schuljahr eine derart verkehrte Haltung angewöhnt, dass es nur zu Problemen führen kann. Dabei WOLLEN sie so gern schreiben, ich finde es deprimierend, das sie schon entmutigt werden, bevor sie das Alphabet richtig kennen, weil es durch Fehlhaltungen zu anstrengend ist.

Dazu kommen noch die LinkshänderInnen, die es besonders schwer haben, aber heute keinen Umgewöhnungskurs mehr absolvieren müssen. Ihnen sei dieses Schreibbeispiel empfohlen.

Januar: Das Jahr hat kreativ begonnen. Nachdem ich mich länger schon über die Qualität mancher Kalligraphie-Werkzeuge geärgert habe war es jetzt soweit, eigene Schreiber herzustellen. Der Anfang ist gemacht. Hier seht ihr das erste Sortiment aus Fasan, Silberfasan und Pfau. Mit Messing und Bambus verarbeitet, mit einer Allround-Globusaufnahme für jedwede gängige Stahlfeder.

Das alles sind noch Prototypen. Der Bambus ist wunderbar glatt, das Griffstück passt sich bestens an die Messingaufnahme an. Aber wir experimentieren noch mit Zeder und Nussbaum als Schaft.

Rechts im Bild ein weiterer Prototyp, ein Federhalterständer. Federhalter-Ablage für maximal fünf Federhalter, nach einem Jugendstil-Original aus Zinn nachgearbeitet. Verbindung aus Messingrohr, mit Hutmuttern verschraubt. Stabil, praktisch und wunderschön!
Ich arbeite seit Jahren mit dem Original, das ich vor Jahren mal zufällig ergattert habe. Jetzt endlich habe ich den Handwerkergott gefunden, der ihn nachbaut!

Auf dem nächsten Markt (ich hoffe beim Mystica Hamelon) sind diese neuen Schmuckstücke schon dabei. In absehbarer Zeit soll es aber auch (endlich) einen vernünftigen Shop geben.


Dezember: Vor lauter Weihnachtsmarkt mal wieder zu nix gekommen... jetzt wird nachgeholt!
Vor kurzem habe ich entdeckt, dass es Aquarellfarbe inzwischen in Gold und Silber gibt. Kann was! Eine wirkliche Alternative zu den oft ziemlich teuren Metalltuschen, die (besonders die Goldtinten) in den verschiedensten Farbtönen auftreten, die nicht immer schön sind. Meine Lieblingsfarbe kommt von Schmincke/Horadam und besteht aus Perlglanzpigmenten. Das sind höchst lichtechte spezielle Glimmer. In einem aufwändigen Verfahren werden dünne Glimmer-Plättchen mit Titandioxid und/oder Eisen-III-oxid beschichtet. Wer sich umfassend mit dem Thema befassen möchte, dem sei dieser Artikel aus dem Spektrum der Wissenschaft ans Herz gelegt.

November: Gerade erst "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" gesehen, und gewundert über die wenig professionelle Handhabung der Gänsefeder. In fast allen Filmen ist die Darstellung der Handschrift dilettantisch, oft zeigt man gar nicht die Spitze der Feder, und im Hobbit wird eine Feder benutzt, die gar nicht richtig angeschnitten ist. Man fragt sich, wie überhaupt ein lesbarer Buchstabe damit zustande kommt.
Die Schrift ist es aber durchaus wert, geschrieben zu werden. Eine leicht abgewandelte Unzialis mit Kleinbuchstaben, einzelne Buchstaben mit einer dreifachen Punktierung versehen, die im Fliesstext ganz witzig aussieht. Bei Fontspace gibt es Bilbos Schrift (und andere Herr-der-Ringe-Schriften) als ttf zum Runterladen. Man muss die Zip-Datei extrahieren und die ttf-Datei dann in den Windows/Fonts Ordner kopieren, damit man sie im Schriftprogramm nutzen kann.


Hobbit-Schrift

Oktober: Mal was zum Nachschreiben: Eine gothische Schrift aus einem sehr alten Heft eines Leipziger Verlags. So alt, dass es nicht mal ein Impressum gibt. Es sind nur die Majuskeln vorhanden, aber die finde ich schon sehr interessant zu schreiben, man kann ja mit anderen gothischen Minuskeln kombinieren.

Gothische Majuskeln

September: Die Walnüsse sind reif, und ich habe nach Rezepten gesucht, wie man Tinte daraus macht. Wenn die Früchte jetzt herunter fallen, lässt sich die grüne Schale um die eigentlichen Nüsse leicht lösen. Wenn nicht, einfach mitkochen. Man nehme also die Schale von 12 Walnüssen, zerhämmere sie in einer alten Socke oder einem Stück Stoff und setze sie mit etwas Wasser zum Kochen an (gerade genug Wasser, um die Schalen zu bedecken). Das Ganze eine halbe Stunde köcheln, danach über Nacht stehen lassen.
Durchsieben (Stück Stoff, altes Trockentuch o.ä.) und mit einem halben Teelöffel Salz sowie einem halben Teelöffel Essig versetzen. Ersteres konserviert, der Essig hält die Farbe leuchtend. Der erste Versuch hat untenstehende Tintenfarbe ergeben. Sehr gute Schreibeigenschaften, die Farbe könnte noch etwas kräftiger sein, aber sie gefällt mir eigentlich schon sehr gut. Vielleicht nochmal mit frischen Schalen aufkochen. Bei 12 Walnüssen kamen jetzt etwa 100 ml Tinte heraus.


Walnusstinte im Schriftbild

Walnussschalen kleingehackt
Walnussfrüchte am Baum

August: Zeit der Galläpfel, Zeit für die Herstellung von Eisengallustinte! Diese dokumentenechte Tinte wird seit jeher (ein erstes Rezept datiert auf 210 v.Chr.) und bis heute für Staatsverträge und wichtige Urkunden genutzt. Sie ist (ohne Zusatz von Farbstoffen) zunächst blassgrau-transparent, um auf dem Papier sehr schnell nachzudunkeln und tiefschwarz zu werden, ein Effekt den man hier schön sehen kann. Über die Herstellung und den Gebrauch dieser Tinte hat Andreas Schenk erschöpfend und lesenswert geschrieben. Das Galläpfel sammeln kann man im Moment sehr schön mit Pilze suchen verbinden. Man nehme alte Eichen, und suche die Unterseite der Blätter ab. Nach dem Schlupf der Wespen, durch die die Wucherungen entstehen, fallen die Gallen auch oft herunter, also auch unter dem Baum suchen. Die Gallen sind im Moment noch glatt und grün, schrumpeln später aber dunkel zusammen und werden in trockenem Zustand zerrieben. Es gibt verschiedenste Formen, immer als Reaktion des Baumes auf die Eiablage eines Insekts, das mit Gerbsäure abgewehrt werden soll. Die in den Wucherungen konzentrierte Gerbsäure wird mit Wasser/Wein, Eisensulfat und Gummi arabicum angemischt. Rezept hier.

Juni/Juli: "Worte waren ursprünglich Zauber" so wird Sigmund Freud zitiert. Das wird jedem Schreiber bei der künstlerischen Gestaltung wohlgewählter Zitate als tieferer Sinn hinter manchem poetischen Text einleuchten. Wie der Kalligraph mit Farbe, Form und Gestaltung den Worten eine Geltung zu schaffen sucht, die dem Inhalt und Wesen des Gesagten Rechnung trägt, sind die Worte Ausdruck einer Idee, die im besten Fall eine fast magische Wirkung entfaltet. Vielleicht nicht für jeden Leser in gleicher Weise, aber für manchen dafür in geradezu lebensverändernder Art. Worte sind auch heute noch Zauber.

Mai: Bei allen Veränderungen in meinem Leben (angenehmen, aber zeitraubenden) schaffe ich es leider kaum, die Homepage zu pflegen. Für den Mai will ich jetzt (am 5.7.) endlich eine Kleinigkeit nachliefern. Ein sehr schönes Kalligraphie-Video von Elli Konstanzer ist hier zu sehen.
Interessant die Anwendung der Spitzfeder, um mit Aquarell die Begleitgrafik zu schaffen.
Auch ihre Monatsprüche sind so schön, dass ich sie euch ans Herz legen will. Ihr findet sie auf ihrer Homepage calligraphy-and-art.com.

April: Ein mir sehr liebes Buch ist "Alphabet - Die Geschichte vom Schreiben" von Donald Jackson (hier ein Blick in sein Scriptorium). Hieraus die nebenstehende Anleitung zum anschneiden eines Federkiels. Das Buch ist in vielerlei Hinsicht lesenswert für KalligrafInnen, denn es beleuchtet die Geschichte aus den Augen der Schreiber, sieht deren Arbeitsweise in den Scriptorien der Welt, ihre Werkzeuge, Farben und Symbolsprachen.

Vielerlei handwerkliche Detailkenntnisse kann man aus diesem Buch erlesen, etwa der Umgang mit Ziegenpergament, das man besser an feuchter Luft beschreibt denn an trockener. Oder die ungewöhnlich vielen Schreibfehler im Book of Kells, das wegen seiner Ornamentik berühmt ist, aber beim Text keine besondere Sorgfalt zeigt. An manchen Stellen zeigen sogar die Figuren von den Rändern aus auf einen Fehler und spotten darüber (unten: merkwürdige Tierfigur mit Anhängseln).

Figar aus dem Book of Kells



Erste Federhalter

 

März: Wenn man sich einmal am Schreiben mit der Gänsefeder versucht hat, kann man kaum noch nachvollziehen, warum es mit der Erfindung der Stahlfeder so lange gedauert hat. Offenbar war die Dringlichkeit der Erfindung dann allerdings derartig groß, dass sich gleich mehrere Erfinder um die Ehre drängeln. Ein Johann Jantssen in Aachen, ein Peregrine Williamson in Boston, in Frankreich und England andere. Anfänglich mühsam per Hand gefertigt, begann mit der Dampfkraftnutzung die Herstellung eines der ersten Wegwerfprodukte der Industriezeit. Das deutsche Museum hat einen interessanten Buchauszug mit verschiedensten Federmodellen der Frühzeit im Angebot. Unter anderem auch dieses niedliche Stahlgesicht zum Schreiben. Weitere Geschichtsdetails im Basler Scriptorium Schenk und bei Kallipos.de.


Handgemachte Feder in Gesichtsform

Februar: Eine Currentschrift aus dem Jahr 1938, von F.H. Emcke für ein Brause-Schreibbüchlein geschrieben. Der Beispieltext ist symptomatisch für die Zeit: "Der junge Hirte stand...dunkel, klar und kriegerisch..." sogar die Schafhirten waren damals stets bereit zum draufhauen.
Seit 1911 ein Herr Sütterlin die Currentschrift abgeändert hatte, um eine für die Stahlfeder leichter zu schreibende Variante der Schulschrift zu schaffen, wurde diese (unten abgebildete) rundere Schriftform gelehrt. Mit Erlass vom 1.9.1941 wurde die Currentschrift, und mit ihr auch die Sütterlin, als Schulschrift abgeschafft.

Brause Currentschrift

Diese Schrift
als PDF zum Download

Wie die Schrift entstand

Januar 2015: Wochenendtaz hatte das Thema Schreibschrift mit der Aufforderung des handschriftlichen Statements. So kommt man als Kalligrafin mal mit Martin Walser auf eine Seite ;-) Hier ein PDF mit den Beiträgen. Walser ist ordentlich altersradikal in seinem Statement, aber als Schönschreiber schätze ich natürlich ebenfalls alles Handschriftliche.

 


Tradition kalligrafisch

November/Dezember: Zeit der Einkehr, bei mir eher Zeit des Umbruchs. Private Umwälzungen haben zu völliger Stagnation auf dieser Seite geführt. Heute hole ich mal etwas auf. Da die Handschrift in Finnland gerade als abschaffungswertes Schulwissen (hier ein Feuilleton der FAZ dazu) diskutiert wird, habe ich mal diverse Veröffentlichungen zum Thema gesucht. Die taz z.B. sieht die Handschrift vom Aussterben bedroht, weil alle Welt nur noch simst und mailt. Aber ist das schlimm? Geht es mit "Gehirnprothesen" wie Tastatur und Rechner wirklich einfach nur schneller und besser, wie dieser Artikel auch die Meinung der Befürworter darstellt?

Für uns Kalligraphie-Liebende steht die Sache sicherlich fest, und ich habe es auch heute morgen an streit@taz.de geschrieben:

Erst wenn die letzte Diode verglimmt...

Der schreibende Mönch

Oktober: Der goldene Monat, der die schönsten Farben und Früchte bringt... Einen Kürbis beschriftet man sehr einfach mit einem kräftigen Eddingmarker. Die Initialen wurden mit einem weißen Lackmarker punktiert. Der Kürbis ist etwa einen Meter groß.
Auch sehr lockend sind die großen Blätter vom wilden Wein, die in gelb-roten Farben schillern und zu einem Herbstgedicht einladen. Leider trocknen sie sehr schnell ein und verlieren dann viel von ihrer Pracht. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, ihnen das auszutreiben. In Giessharz einschliessen ist die schickste (und wohl teuerste) Methode. Ein netter Mensch hat im Netz eine Anleitung hinterlassen.
Wachs konserviert so ein Blatt auch ganz gut. Einfach mit der Kerze gleichmässig auftropfen, ein Blatt Zeitungspapier auflegen und richtig heiß darüber bügeln.
Wenn die Blätter noch ganz frisch sind, also eher noch grün bei beginnender Färbung, kann man sie auch mit Glycerin haltbar machen. Man nehme eine Mischung aus einem Teil Glyzerin und 2 Teilen Wasser und stelle die Blattstängel hinein. Um möglichst viel Wasseraufnahme zu ermöglichen werden die Stängel schräg angeschnitten. Nach einigen Tagen sieht man das Glycerin in kleinen Tröpfchen auf der Oberfläche der Blätter austreten, dann sind die Zellen gesättigt.

September: Weihnachten kommt näher, unaufhaltsam! Also vielleicht schon mal mit den wichtigsten Worten vertraut machen und zusehen, wie man Last-Christmas-pfeifend zu einem schönen Willkommensschild (Video) an der Haustür kommt.
Wer das Ganze lieber auf chinesisch schreiben möchte, bekommt hier eine Basisanleitung für die Pinselkalligraphie.

Merry Christmas!

Tnte _ transparent und wasserlöslich

August: Auf meinen Mittelaltermärkten werde ich oft gefragt, was der Unterschied zwischen Tusche und Tinte ist. Ich empfehle für die Kalligraphie eigentlich immer Tusche: lichtecht, wasserfest und unverwüstlich ist sie für schön geschriebene Worte die beste Wahl. Wer will schon, dass die Urkunde nach zwei Jahren am sonniger Wohnzimmerwand nicht mehr lesbar ist?
Tinte ist dünnflüssig und verstopft die feine Mechanik von Füllfederhaltern nicht (im Gegensatz zur Tusche), sie verbindet sich mit den Papierfasern und färbt diese, während sich Tusche durch Russ- und Leimpartikel sowie öligen Bestandteilen nur AUF den Beschreibstoff legt. Dies ist gerade bei faserigen Büttenpapieren wichtig.

Tinte hat dafür eine wunderschön transparente Leuchtkraft, die der Tusche abgeht. Ausserdem kann man mit ihrer Wasserlöslichkeit auch Effekte erzielen, die sonst nur in der Aquarellmalerei möglich sind.

Juli: Die Handschrift stirbt aus, und jeder merkt´s. Smartphone und Tablet ruinieren eines der ältesten Kulturgüter der Welt, und die Reaktionen der Politik sind hilflos. Man kommt lieber auf den Trichter, eine "vereinfachte Ausgangsschrift" zu lehren, weil die feinmotorisch meist völlig unterbelichteten Kleinen zusammenhängende Buchstaben nicht hinbekommen. Eine "Allianz für die Handschrift" hat sich auf die Fahnen geschrieben, gegen diesen Trend zu arbeiten. Eigentlich sollten SchülerInnen am Ende der Grundschule eine "leserliche Handschrift" vorweisen. Eine Wunschvorstellung, und Politik reagiert mit Niveauabsenkung. Pädagogik sollte anders aussehen.

Juni: Heute mal ein paar Tipps für die tägliche Arbeit. Schon mal Ärger über verklebte Tinte-oder Tuscheflaschen? Unter heißes Wasser halten hilft meistens. Sinnvoll ist außerdem natürlich, nach jedem Gebrauch den Glasrand gut zu reinigen. Ein Hauch Vaseline ins Gewinde beugt dem Verkleben vor.
Für Aquarellmalerei braucht man nasses Papier. Nach dem Trocknen wellt es sich oft sehr stark. Dies kann man vermeiden, in dem man das Blatt zuerst vollständig durchnässt, dann straff aufspannt (auf ein Brett zum Beispiel), und wieder trocken lässt. Das Papier wurde so gestreckt und wird sich nach dem nächsten Durchfeuchten nicht wellen.

Ziemlich coole Idee für einen Hintergrund: man gießt etwas Pustefix oder Spülmittel in eine flache Schale und fügt einige Tropfen Farbe hinzu. Dann mit dem Strohhalm einen ordentlichen Berg Blasen auf die Schale blubbern.
Dann drückt man das Papier auf die Blasen, bis sie platzen. Zurück bleiben unregelmäßig sechseckige Umrisse in zarten Pastellton.

Mai: Eine kleine Spielerei für große Schriften: bindet man zwei Buntstifte (oder welche Stifte auch immer) fest aneinander, funktionieren sie wie eine sehr breite Bandzugfeder, die nur an den Außenkanten Farbe aufs Papier bringt. Hier mit einer grünen und einer blauen Spitze, die Mitte dann rot schraffiert. So bekommt man sehr einfach große Schriften hin, bei diesem Beispiel sind die Buchstaben 5 cm hoch. Den Abstand der beiden Linienschreiber kann man beliebig variieren, indem man (für kleinere Buchstaben) die zueinanderliegende Seite dünner schnitzt/abraspelt oder für größere mit Abstandhaltern zwischen den beiden Stiften arbeitet. Wenn es wirklich GROSS werden soll, kann man sich die Stifte in Abstand x auf ein Brettchen nageln. Die jeweilige Buchstabengröße errechnet sich aus Stifteabstand x fünf (bei der Fraktur, andere Schriften wie Unzialis laufen breiter).

April: In Iserlohn, hier im Sauerland bzw. dem angrenzenden Märkischen, gab es früher eine sehr maßgebliche Federproduktion. „Die beste Feder, lieber Sohn, ist die von Brause - Iserlohn“ hieß es damals, und der Spruch steht noch heute am alten Fabrikgebäude, das als technisches Kulturdenkmal eingetragen ist. Darum hatte ich mir von einer Sonderausstellung (siehe Märzeintrag) zu mittelalterlichen Scriptorien ein wenig mehr versprochen als einen einzigen Raum mit spärlichen Anschauungsobjekten. Einige Erläuterungen zu einzelnen Farbpigmenten, ein paar Werkzeuge, mehr gab es nicht. Im Ganzen lohnt der Weg (leider) nicht. Aber anhand eines abfotografierten Zitates fand ich dafür dieses Lexikon mit üppigeren Informationen, im Ganzen erreichbar unter www.mittelalter-lexikon.de

Sehr interessant auch dieser Artikel zu den vielen Schwindeleien mittelalterlicher Scriptorien, wo sich per Urkundenfälschung Ländereien, Pfründe, Reliquien einverleibt wurden. Die bekannteste dieser historischen Fälschungen war die "konstantinische Schenkung", die die Machtposition des Papstes erheblich stärkte.

März: AUSSTELLUNG
"Im mittelalterlichen Scriptorium" - Neue Ausstellung im Stadtmuseum Iserlohn bis zum 25. Mai. Öffnungszeiten dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr sowie donnerstags von 10 bis 19 Uhr. Weitere Informationen gibt es im Stadtmuseum Iserlohn, Fritz-Kühn-Platz 1, Telefon 02371 / 217-1960 oder-1963.

 

Februar: Immer wieder wird die Frage nach Schreibpulten gestellt. Wer die alten Darstellungen aus Klosterscriptorien kennt, wundert sich über die extrem steilen Schreibwinkel der Pulte. Dies ist dem Schreibwerkzeug geschuldet, der Gänsefeder. Mit ihr schreibt es sich am besten, und der Schreibfluss ist gleichmässiger, wenn sie fast waagerecht übers Papier, bzw. das Pergament geführt wird.
Es gibt natürlich Zeichentische, die man stufenlos ein ihrer Neigung einstellen kann. Wenn man weniger Platz hat, tut es auch eine große Holz- oder Glasplatte, wo die Arme bequem drauf Platz haben. Darf also schon einen Meter breit sein. Eine Glasplatte hat den Vorteil, dass man von unten beleuchten und so mit vorgedrucktem Linierpapier arbeiten kann. Wer sich schon einmal beim Ausradieren von Hilfslinien eine Arbeit versaut hat, wird das zu schätzen wissen.
Zur Linken meine erste Leuchtkiste. Die Glasplatte wird passend eingesetzt und von unten mit Holzleisten gehalten. Das muß absolut bündig abschliessen und wird eingekittet (dabei kann man mit der Kittmenge gut die Bündigkeit einregeln). Unterhalb der Glasplatte kann man eine abnehmbare Leiste als Papierbremse anbringen.

Januar 2014: Eine der Fundsachen des Internets, eine Feder die ich wirklich gern einmal nutzen würde! Der Ferrari der Kalligrafin... oder vielleicht eher ein Rolls Royce. Ich hoffe ja ehrlich gesagt auf die kommende 3-D-Druckergeneration, die mir sowas alles schick ausdruckt ;-) Da steht uns wieder was ins globale Haus mit dieser Neuerung, die erste ausgedruckte und funktionierende Waffe gab es ja schon.
Aber es heisst ja "die Feder ist mächtiger als das Schwert" => wenn ich mit sowas wie rechts "PEACE" schreibe, hilft das sicher.
Entschuldigt den Sarkasmus, eigentlich glaube ich wirklich daran, dass es hilft, das Schöne in der Welt zu vermehren, um dem Hässlichen einfach weniger Raum zu lassen.

Mein Vorsatz für dieses Jahr ist auf jeden Fall MEHR SCHREIBEN! Was auch immer und worauf auch immer. Mit einer schönen Schrift ein schönes Zitat auf einem Flusskiesel zu hinterlassen ist doch eine wunderbare Sache. Ich habe das schon so lange vor... in Xanten im Römerlager hab ich wenigstens im Sommer auf eine Platane gekritzelt. Dom vivimus vivamus.

 

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Das Wort verhallt, man muss es niederschreiben, und dergestalt wird´s in Erinnerung bleiben.
The Webmistress Susanne Ulmke


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